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Publikation über Interreligiöses Lernen:

Im Fremden sich selbst erkennen

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Fünf Pädagogen aus drei Religionen haben neues didaktisches Werk darüber geschrieben, wie die Religionen zu mehr gegenseitigem Verständnis finden können: “Interreligiöses Lernen und Multireligiöse Feier” wurde unlängst im evangelischen Bürgerhaus Rot vorgestellt. coronabedingt leider im recht kleinen Kreis.

Deutschland beheimatet viele Nationalitäten und Religionen. Schon deshalb macht es Sinn, an den Schulen Angebote über den christlichen Religionsunterricht hinaus zu machen. Wie das konkret aussehen könnte, das zeigt nun das neue Buch und gibt so steht es zumindest im Untertitel „Ermutigungen aus der Praxis für die Praxis”.

Erarbeitet haben das didaktische Werk für fünf Stuttgarter Theologen und Religionspädagogen, einer davon Dieter Kümmel, vormaliger Zuffenhäuser Gemeindepfarrer und aktuell Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt in Stammheim. Noch während seiner Zuffenhäuser Zeit hatte er das Projekt “Aufeinander zugehen” initiiert, das die unterschiedlichen Religionen im Stadtbezirk immer wieder für gemeinsame Veranstaltungen zusammenführte. Den Ort für die Buchvorstellung in Rot hatte er noch ausgewählt, zur Veranstaltung fehlte er leider krankheitsbedingt.

Als Herausgeber fungiert der evangelische Schuldekan Dr. Uwe Böhm, er unterstreicht aber, dass bei der Arbeit am Buch alle Beteiligten gleichberechtigt gewesen seien: Das Quintett der Religionen ergänzen überdies die jüdische Sozialpädagogin und Familientherapeutin Judith Budwig und Zehra Isikhan-Vieriu, Lehrbeauftragte für Islamische Theologie und Religionspädagogik, sowie Isabelle Kraft, evangelische Religionslehrerin und Jugendreferentin für internationale Gemeinden, Gibt es keine Katholiken im Team? In der praktischen Arbeit seien natürlich auch Katholiken beteiligt gewesen, am Buch hätten sie aber aus Zeitgründen nicht mitgearbeitet, erzählt Böhm. Ohnehin lebten die beiden christlichen Konfessionen eine langjährige Ökumene, so dass man sich bei einem solchen Projekt vertreten könne.

Das Buch fasst nun die Erfahrungen mit multireligiösen Feiern und interreligiösen Unterricht zusammen und zeigt praxisnah, wie die Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden können. Allerdings: “Das Ziel interreligiösen Lernens ist nicht eine verwässerte Einheitsreligion, sondern das friedliche Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft, welches sich auch im schulischen Kontext zeigt”, warnt das Buch vor zu viel Gleichmacherei.

Deshalb weisen die Autoren ehrlicherweise auch auf das Trennende hin: Musik wie etwa im christlichen Gottesdienst spielt in anderen Religionen beispielsweise keine große Rolle. Auch seien gemeinsame Erfahrungswerte unumgänglich, weshalb sich das Buch deutlich dafür ausspricht, Imame und Imaminnen in Deutschland auszubilden, “weil sie die Lebenswelt, Umstände und die Sozialisation von deutschen Muslimen kennen sollen”.

Und dann gilt es ja auch zu beachten, dass gläubige Juden den Namen Gottes nicht aussprechen dürfen, was Christen aber einiges an Konzentration abverlangen dürfte, oder? Uwe Böhm erklärt, dass es beim interreligiösen Unterricht ja darum gehe, die Religion des anderen kennen zu lernen und nicht, die Vorschriften des anderen einzuhalten. Anders verhält es sich bei multireligiösen Feiern, hier übernehmen die Geistlichen und Religionspädagogen aber ausschließlich ihren jeweils eigenen Part. Was in der Theorie kompliziert klingt, dafür bietet das Buch detaillierte Vorschläge und Ablaufpläne.

Wie der Schuldekan erläutert, werden solche multireligiösen Feiern üblicherweise zu Beginn und zum Ende eines Schuljahres abgehalten, man feiert also eher die schulische Gemeinschaft, als einen spezifischen Feiertag. Überdies wird erläutert, wie man schon den Kleinsten die unterschiedlichen Religionen vermitteln kann. So gibt es in der Maria-Montessori-Grundschule in Hausen etwa einen fahrbaren Regalwürfel, dessen Fächern mit kindgerechtem Lernmaterial bestückt wird und der zum Basteln, Vorlesen, Ausmalen entsprechend der Feiern im Jahresablauf einlädt.

Interessant ist, dass es wenig vergleichbare Literatur zu geben scheint, Der Schuldekan bestätigt diese Beobachtung: “Während wir an unserem Buch gearbeitet haben, ist zufällig noch ein zweites erschienen, allerdings ausschließlich aus christlicher Perspektive geschrieben. Ich halte es aber für unsere große Stärke, dass bei uns die Religionen selbst zu Wort kommen.”

Das Buch ist klar als Handreichung für ReligionspädagogInnen gedacht, man findet darin außerdem niederschwellige und fundierte Informationen zu den abrahamitischen Religionen. Und vielleicht gilt hier ja noch mehr als sonst, dass man in der Beschäftigung mit dem vermeintlich Fremden auch besonders viel über sich selbst erfährt.

 

Info: “Interreligiöses Lernen und Multireligiöse Feier” ist im Schneider-Verlag Hohengehren erschienen, ISBN 978-3-8340-2207-3. Weitere Info: www.paedagogik.de

 

Von Susanne Müller-Baji


Foto oben:
V.l.n.r.: Vier von fünf Autoren: Isabelle Kraft (lange Haare), Zehra Isikhan-Vieriu, Judith Budwig (weiße Hose) und Uwe Böhm. Dieter Kümmel fehlt krankheitsbedingt. Foto: S. Müller-Baji

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