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NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und Zuffenhausen - Teil 2:

Den "Ostarbeitern" erging es am schlechtesten

| ZuZu Redaktion | Aktuelles

Während der NS-Zeit wurden rund 40.000 Zwangsarbeiter nach Stuttgart verschleppt. Sie schufteten unter unmenschlichen Bedingungen – auch in Zuffenhausen und Feuerbach.

Ohne sie wäre nicht nur Hitlers Krieg unmöglich gewesen, sondern auch in Teilen das deutsche "Wirtschaftswunder" danach. Journalist Georg Friedel berichtet in dieser dreiteiligen exklusiven Serie bei uns über das vergessene Leid dieser Opfergruppe und die mehrjährige Recherche des Stuttgarter Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart", der dieses Thema in intensiver Forschungsarbeit aufgearbeitet und u.a. eine wichtige interaktive Karte aller Zwangsarbeiterlager in Stuttgart erstellt hat.

NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und Feuerbach – Teil 2

Von Georg Friedel

Vor allem die sogenannten „Ostarbeiter“ aus der ehemaligen Sowjetunion litten an Unterernährung. Vernichtung durch Arbeit war Teil der nationalsozialistischen Ideologie. Einige ahnten wohl schon, als sie in den Güterzügen hierher zusammengepfercht wurden, dass Hunger, Ausbeutung, Krankheit, Misshandlung und Tod auf sie zukam. Zudem wurden auch leichte Verstöße gegen die teilweise sehr strengen Regeln in den Lagern knallhart sanktioniert und konnten zur Hinrichtung führen. 
Die Recherchen des Arbeitskreises haben zudem ergeben, dass viele der Zwangsarbeiter relativ jung waren: „Die Geburtsjahrgänge 1920 bis 1927 sind auffallend stark vertreten. „Viele der sogenannten Ostarbeiter kamen aus der heutigen Ukraine und aus Belarus. Bei den Todesursachen fallen Erkrankungen wie Tuberkulose sowie Lungenentzündungen und bei den kleinen Kindern vor allem „Ernährungsstörungen“ auf“, konstatiert das Autorenteam.

Grausamer Tod in den „Splittergräben“

Doch die größte Gefahr kam in den letzten Kriegsjahren von oben: Viele Zwangsarbeiter ließen ihr Leben bei Bombenangriffen. Wie auch im Sommer 1944 auf der Zuffenhäuser Schlotwiese. Dort standen unweit von der Firma Hirth Baracken. 3000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten lebten allein auf der Schlotwiese. Am 21. Juli 1944 griffen Bomberpiloten diesen Teil des Stuttgarter Nordens an. Eigentlich wollten die Alliierten das Heinkel-Flugzeugmotorenwerk (Hirth) in Zuffenhausen treffen. Doch ihre tödliche Fracht ging auf der nahen Schlotwiese nieder. Weil Zwangsarbeitern der Zugang zu Schutzräumen verwehrt blieb, waren sie schutzlos den Explosionen ausgeliefert. Sie wurden von Fliegerbomben zerrissen oder von Splittern zerfetzt. Der Angriff am 21. Juli begann kurz nach 11 Uhr und dauerte nur wenige Minuten: „Entweder auf dem Weg zu den Splittergräben oder direkt dort starben durch Bomben 24 französische und fünf russische ZwangsarbeiterInnen sowie eine niederländische und eine polnische Zwangsarbeiterin. Fast alle waren bei Hirth Motoren beschäftigt“, hat der Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Stuttgart“ herausgefunden.

Bahnhofsturm als zentraler Erinnerungsort

Ziel des Projektes ist es, die gesamte Thematik mehr ins Bewußtsein der Stuttgarter Bürgerschaft zu heben und sie auch im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Das Thema müsse in der Erinnerungskultur der Stadt mehr verankert werden, kritisiert Harald Stingele: „Es gibt in Stuttgart nur eine sehr dürftige Erinnerungslandschaft.“ Besser mache es München. In der bayerischen Metropole werde rund 30 Millionen Euro investiert, um auf dem Gelände des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers München-Neuaubing einen zentralen Erinnerungsort zu schaffen. Auch Stuttgart brauche einen solchen Ort. Denkbar wäre nach Ansicht der Initiative ein Ort im Bahnhofsturm oder auch beim Alten Schloss.

(Fortsetzung folgt)

Hier geht's zu Teil 1

 

Foto oben:
3000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter lebten zeitweise während des Nationalsozialismus auf der Schlotwiese zwischen Zuffenhausen und Feuerbach. Am 21. Juli 1944 kamen über 30 Zwangsarbeiter bei einem Bombenangriff der Alliierten in dem Lager ums Leben. Der Angriff hätte eigentlich dem Hirth-Flugzeugmotorenwerke (Heinkel) gelten sollen.
(Für eine grössere Auflösung bitte auf das Bild klicken.)
Foto: NARA (National Archives and Records Association).

Foto unten:
Karte von Zuffenhausen aus dem Jahr 1955 - die Areale der vorherigen Luftbilder sind am linken Bildrand angesiedelt.

Zuffenhausen-1955-01.jpg


Internetseite des Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart": www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de