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NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und Zuffenhausen - Teil 1:

Es fehlt ein zentraler Erinnerungsort...

| ZuZu Redaktion | Aktuelles

Während der NS-Zeit wurden rund 40.000 Zwangsarbeiter nach Stuttgart verschleppt. Sie schufteten unter unmenschlichen Bedingungen – auch in Zuffenhausen und Feuerbach.

Ohne sie wäre nicht nur Hitlers Krieg unmöglich gewesen, sondern auch in Teilen das deutsche "Wirtschaftswunder" danach. 
Journalist Georg Friedel berichtet in dieser dreiteiligen exklusiven Serie bei uns über das vergessene Leid dieser Opfergruppe und die mehrjährige Recherche des Stuttgarter Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart", der dieses Thema in intensiver Forschungsarbeit aufgearbeitet und u.a. eine wichtige interaktive Karte aller Zwangsarbeiterlager in Stuttgart erstellt hat.

 

NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und Zuffenhausen – Teil 1

Von Georg Friedel


„Du, Du und Du!“ Ein Fingerzeig der Besatzer genügte. Es reichte eine knappe Geste der örtlichen nationalsozialistischen Machthaber. Oder ein Wort der Unternehmer. Bei der Auswahl und Verteilung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während der NS-Zeit ging es zu wie auf einem Sklavenmarkt. Im Hof des Alten Schlosses und im Hauptbahnhof Stuttgart konnten sich Firmenchefs oder von den Betrieben Beauftragte ‚ihre Arbeitssklaven‘ abholen. Und gleich mitnehmen. Sie wurden oft schlechter behandelt wie Wegwerfware. 
Rund 13 Millionen Menschen, so wird geschätzt, wurden aus den von Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg eroberten Gebieten ins ‚Deutsche Reich‘ verschleppt. Vor allem die aus Osteuropa kommenden Zwangsarbeiter wurden von dem System zur gnadenlosen Ausbeutung freigegeben - oftmals bis hin zur physischen Vernichtung. Allein in Stuttgart überlebten mindestens 1500 Menschen ihren Arbeitseinsatz nicht.

Arbeitsgruppe hat 220 Lagerstandorte in Stuttgart ermittelt

In mehrjähriger Recherche und intensiver Forschungsarbeit hat der Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Stuttgart“ rund um Inge Nowak, Sonja-Maria Bauer, Harald Stingele und Norbert Prothmann dieses bis dato von vielen verdrängte und vergessene Thema für Stuttgart aufgearbeitet. Kernstück dieses Großprojektes ist eine digitale Karte der Stadt. Dort sind inzwischen rund 220 Standorte und Lager, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren, identifiziert und markiert worden. 
„Bei den Nachforschungen konnten wir viele Hinweise auf persönliche Schicksale finden“, betont das Team, das ihre Ergebnisse und ihre Nachforschungen im Januar veröffentlichte. Die Arbeitsgruppe kann nun auch einzelnen Opfern Namen und Gesichter geben. „Wir wollten damit auch ein Gespür bekommen, was das für Menschen sind“, sagt Historikerin Sonja-Maria Bauer. Besonders zu Herzen gehen einem dabei die Schicksale der Kinder, die teilweise mit ihren Müttern in den Lagern landeten oder dort zur Welt kamen. Sie hatten denkbar schlechte Überlebenschancen. Viele starben an Unterernährung und mangelhafter medizinischer Versorgung. So wie Michael Andreew, der in Belarus geboren wurde: „Das Kleinkind überlebte das nicht lange und starb kurz vor seinem zweiten Geburtstag an „Lungenentzündung“ im Lager Gehrenäcker in Zuffenhausen“, berichtet das Autorenteam.
Die digitale interaktive Lagerkarte und die Ergebnisse der Forschungsarbeit zum Thema Zwangsarbeiter sind auf der Homepage der Arbeitsgruppe www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de zu finden.

Kinder mussten Schuhe nähen oder andere Arbeiten verrichten

Im Lager Gehrenäcker an der Ludwigsburger Straße 244, der heutigen Grüngut-sammelstelle beim Friedhof Zuffenhausen waren vor allem Kinder, Alte und Kranke untergebracht. Für die dort Internierten waren die Zustände besonders hart. Und ein ehemaliges Zwangsarbeiterkind berichtet, dass es in einer Baracke auf dem Gelände einer Lederfabrik Zuffenhausen untergebracht war. Von dort sei täglich eine Gruppe Kinder, zum Teil unter zehn Jahren, zu Salamander nach Kornwestheim geführt worden. Sie mussten dort Schuhe nähen. Insgesamt arbeiteten rund 40.000 Männer, Frauen und auch Kinder aus den von den Nationalsozialisten eroberten Gebieten damals in Stuttgarter Fabriken, aber auch für Behörden, Handwerksfirmen, Landwirtschaftsbetriebe. Oder auch für Kirchen und in vielen Privathaushalten.

Arbeiten bis die Hände bluteten

Der von den Nazis zur Arbeit gezwungene Pole Janusz Osiecki aus Warschau erinnerte sich in dem 2009 veröffentlichten Buch des Bosch-Betriebsrates „… auch beim Bosch gibt’s nichts umsonst – 100 Jahre Arbeit und Leben in Feuerbach aus Sicht der Beschäftigten“ an seine Ankunft in Stuttgart: „Am Bahnhof wurden wir von einem Mitarbeiter der Firma Bosch in Empfang genommen, aufs Werksgelände transportiert und fotografiert. Anschließend wurden Fingerabdrücke abgenommen. Wir wurden mit einem „P“ versehen, bekamen Arbeitskleidung und Holzschuhe.“ Bei Bosch musste er anschließend mit anderen Zwangsarbeitern Waggons mit Kies, Sand, Zement und Flacheisen entladen: „Auch wenn die Blasen immer größer wurden und wir bluteten“, berichtet Osiecki. Seit Sommer 2021 erinnert vor dem Haupttor des Stammsitzes in Stuttgart Feuerbach eine Stele an das Leid und Unrecht, dass den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern dort während der Nazi-Zeit widerfahren ist. Auch andere Firmen haben dieses dunkle Kapitel ihrer Firmengeschichte inzwischen wissenschaftlich aufarbeiten lassen.

Luftbilder der Alliierten zeigen Bosch-Baracken

Bosch steckte ‚seine‘ Zwangsarbeiter wie viele andere Unternehmen damals in Barackenlager, eines befand sich in Feuerbach direkt neben dem Boschwerk an der heutigen Siegelbergstraße gegenüber der Bertastraße 27 – 31. Das Lager bestand aus 21 Gebäuden. Es ist auf den damals aufgenommen Luftbildern der Allierten klar und deutlich zu erkennen. Daneben gab es in Feuerbach auf dem Roser-Gelände ein Lager für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion. Wo heute ein Baumarkt nahe dem Roser-Platz steht, hausten ab 1944 etwa 70 Personen, die in der dortigen Roser-Lederfabrik schuften mussten. Weitere Lager befanden sich an der Kremser Straße auf dem Firmengelände der Gebrüder Schoch Hartchrom GmbH und auf dem Gelände der Kühlerfabrik Behr an der Mauserstraße. Auch im Pfostenwäldle und an der Ecke Triebweg/Sportpark waren Menschen unterschiedlicher Nationalitäten kaserniert worden. In die Turn- und Festhalle an der Kärtner Straße wurden rund 375 Kriegsgefangene aus Frankreich und Belgien eingesperrt. Sie wurden in unterschiedlichen Feuerbacher Betrieben eingesetzt.

Vom Löwentor bis zur Wilhelma - ein Lager neben dem nächsten

An der Siemensstraße in Feuerbach befanden sich drei weitere Lager. Alle Standorte sind auf der digitalen Lagerkarte zu finden, die damit auch unter Beweis stellt, wie präsent und allgegenwärtig diese Menschen damals im öffentlichen Leben waren. In Stuttgart gab es praktisch keinen Stadtbezirk ohne Baracken, auch ehemalige Gaststätten, Vereinsheime und Schulen wurden zur Unterbringung herangezogen. „Stuttgart hatte mehr Lager als Straßenbahnhaltestellen“, schreiben die Autoren vom Arbeitskreis. Allein 29 Stuttgarter Schulen waren mit Zwangsarbeitern belegt: „Und vom Löwentor über den Rand des Rosensteinparks bis zur Stuttgarter Wilhelma lief man damals praktisch andauernd an Barackensiedlungen vorbei, denn dort erstreckte sich ein Lager neben dem nächsten“, berichtet Norbert Prothmann, der die interaktive Website mit Experten der Firma Lehmann & Werder Museumsmedien erstellt hat. Letztere haben bereits ähnliche Projekte für Leipzig und Berlin realisiert.



(Fortsetzung folgt)


Internetseite des Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart": 
www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de

 

Fotos oben und unten:
Boschwerk und Baracken am Ende der Siegelbergstraße: An der Siegelbergstraße befand sich neben dem Firmengelände von Bosch ein Barackenlager mit 21 Gebäude. Es ist auf Luftbildern und Plänen der Alliierten klar zu erkennen. Quelle: NARA (National Archives and Records Association).

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