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Schicksal verdrängter Opfergruppe im Fokus:
Fotoprojekt im ehem. Galeria Kaufhof-Gebäude macht Orte der NS-Zwangsarbeit in Stuttgart sichtbar
Noch bis Ende September 2026 verwandeln sich die Schaufenster des ehemaligen Galeria Kaufhof-Gebäudes in der Eberhardstraße in Stuttgart-Mitte in einen historischen Lernort.
Eine neue Fotoausstellung zeigt Orte im Stuttgarter Stadtbild, an denen während des Nationalsozialismus Zwangsarbeit geleistet werden musste. Das Projekt macht ein weitgehend unsichtbares Kapitel der Stadtgeschichte im öffentlichen Raum zugänglich.
Basis für das Fotoprojekt war eine umfassende Recherche des Arbeitskreises Zwangsarbeit Stuttgart, der eine Liste von über 150 Orten der Zwangsarbeit in Stuttgart zusammengestellt hat. Darunter sind größere Firmen und kleinere Betriebe, öffentliche Einrichtungen, ehemalige Lager, aber auch Schulgebäude und frühere Gaststätten, in denen zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter untergebracht waren. Viele dieser Orte befinden sich mitten in der Stadt, sind heute aber nicht mehr als Orte der Zwangsarbeit erkennbar.
Das Fotoprojekt des Fotografen-Duos Andreas Langen und Kai Loges („die arge lola“) ändert das: Großformatige Bilder zeigen diese Schauplätze im heutigen Zustand. Ergänzt werden die Fotografien durch historische Informationen, die das Gesehene einordnen.
Initiiert wurde die Ausstellung von der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur des Kulturamts der Landeshauptstadt Stuttgart in Kooperation mit dem Arbeitskreis Zwangsarbeit Stuttgart und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Die Gestaltung hat die Grafikerin Ina Bauer übernommen.
Ergänzendes Digitalangebot
Die vom Arbeitskreis recherchierten Orte sind inzwischen auch auf einer digitalen Karte verzeichnet, die auf einer vom Kulturamt geförderten Homepage einsehbar ist. Abrufbar ist diese unter: zwangsarbeit-in-stuttgart.de. Dort wird parallel zur Ausstellung auch eine Bildergalerie eingerichtet.
Hintergrund: Zwangsarbeit in Stuttgart
Zwangsarbeit war während des Zweiten Weltkriegs ein zentraler Bestandteil der deutschen Kriegswirtschaft. Allein in Stuttgart wurden mehr als 40.000 Männer und Frauen aus den vom Deutschen Reich besetzten europäischen Ländern eingesetzt. Historiker gehen davon aus, dass damals praktisch jeder Stuttgarter Betrieb mit mehr als fünf Beschäftigten Zwangsarbeiter band.
Deren Lebensbedingungen unterschieden sich stark. Sie hingen unter anderem von Herkunft und Status ab und waren in kleineren Betrieben tendenziell besser als in den großen Barackenlagern der Industrie. Eines galt für alle Betroffenen: Sie hatten in der Regel keine Möglichkeit, ihr Arbeitsverhältnis zu beenden oder sich gegen unmenschliche Behandlung zu wehren.
Späte Aufarbeitung und heutiges Engagement
Die Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der Geschichte setzte spät ein: Erst seit Ende der 1980er-Jahre rücken die Schicksale der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ins öffentliche Bewusstsein. In Stuttgart trugen dazu auch die Öffnung privatwirtschaftlicher Archive (zum Beispiel die Sammelstudie: Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, 1994) sowie die kritische Aufarbeitung durch das Stadtarchiv Stuttgart (Zwangsarbeit in Stuttgart. Spurensuche – Ergebnisse – Aufgaben, 2000) bei.
Seit 2022 wird die Dokumentation der Lager- und Arbeitsorte maßgeblich vom Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Stuttgart“ vorangetrieben, der auch aus Engagierten der Stolperstein-Initiativen und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber besteht. Er setzt sich unter anderem für die Einrichtung eines zentralen Erinnerungsortes für Zwangsarbeit in Stuttgart ein. Der aktuellste Beitrag zur Forschung ist die kürzlich vom Stadtarchiv herausgegebene Doktorarbeit des Historikers Kevin Schmidt zu „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939 – 1945“.
HINWEIS DER REDAKTION:
Interessierte können hier auch unsere 3-teilige Reihe "NS-ZWANGSARBEIT IN STUTTGART UND ZUFFENHAUSEN" zu diesem Thema nachlesen.
(Abb. oben: Die Internetseite www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de des Arbeitskreises 'Zwangsarbeit in Stuttgart' hat das Thema auf ihrer Homepage informativ und ausführlich aufgeabreitet.)
