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NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und Zuffenhausen - Teil 3:
Ohne die Ausbeutung der Zwangsarbeiter wäre der Krieg unmöglich gewesen - eine neue Webseite erinnert an sie
Während der NS-Zeit wurden rund 40.000 Zwangsarbeiter nach Stuttgart verschleppt. Sie schufteten unter unmenschlichen Bedingungen – auch in Zuffenhausen und Feuerbach.
Ohne sie wäre nicht nur Hitlers Krieg unmöglich gewesen, sondern auch in Teilen das deutsche "Wirtschaftswunder" danach. Journalist Georg Friedel berichtet in dieser dreiteiligen exklusiven Serie bei uns über das vergessene Leid dieser Opfergruppe und die mehrjährige Recherche des Stuttgarter Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart", der dieses Thema in intensiver Forschungsarbeit aufgearbeitet und u.a. eine wichtige interaktive Karte aller Zwangsarbeiterlager in Stuttgart erstellt hat.
NS-Zwangsarbeit in Stuttgart und Feuerbach – Teil 3
Von Georg Friedel
Seit Ende Januar dieses Jahres ist die neue Website „NS-Zwangsarbeit in Stuttgart“ freigeschaltet. Dort kann jeder, der Interesse am Thema hat, hineinklicken. Dann öffnen sich weitere Fenster und geben Hintergrund-informationen frei. Die Website werde weiterwachsen, neu recherchierte Standorte sollen eingepflegt werden: „Es handelt sich um eine Work-in-Progress-Arbeit“, sagt Harald Stingele. Man verbinde mit dem Projekt natürlich auch die Hoffnung, dass sich weitere Personen melden, die Hinweise über weitere Lager oder auch Einzelschicksale geben können.
Der Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Stuttgart“ wurde 2022 auf Initiative von Harald Stingele und Inge Möller gegründet. Beide waren zuvor in den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen und in der „Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.“ aktiv. Das jetzige Team grub sich in den vergangenen vier Jahren tief in Datenbestände, Quellen, historische Stadtpläne, Luftbilder und Archive ein. Was zu finden und brauchbar war, wurde in die neue Website eingearbeitet.
Die Internetseite des Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart" finden Sie unter www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de
Gräberliste der Stuttgarter Friedhöfe als Ausgangspunkt
Der Ausgangspunkt für die Recherche sei die Gräberliste der Stuttgarter Friedhöfe gewesen, berichtet die Historikerin Sonja-Maria Bauer. „Daraus entstand eine erste Liste von Menschen mit ihren Namen sowie den Geburts- und Sterbedaten und der Herkunft“, so Bauer weiter. Diese Zusammenstellung habe man dann mit den Arolsen Archiven, dem Internationalen Suchdienst, abgleichen und ergänzen können: „Dort konnten wir mit Hilfe dieser Namen zusätzliche Informationen über die Verstorbenen finden. Und wir entdeckten darüber auch weitere Namen während des Krieges verstorbener Menschen mit nichtdeutscher Herkunft“, berichtet Bauer von dieser aufwändigen Puzzlearbeit.
Buch zur Zwangsarbeit in Stuttgart von Kevin Schmidt
Inzwischen ist auch die 352 Seiten umfassende Doktorarbeit „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939 – 1945“ von Kevin Schmidt erschienen. „Die Studie rekonstruiert erstmals umfassend die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Stuttgart und beleuchtet die komplexen Verflechtungen zwischen ideologischen Vorgaben, kommunaler Verantwortung und privatem Profit“, heißt es in dem Begleittext. Kevin Schmidt war selbst zwei Jahre Mitglied beim Arbeitskreis Zwangsarbeit in Stuttgart.
Ab 1939 herrschte in Deutschland Arbeitskräftemangel
Schon ab dem Jahr 1939 herrschte in Nazi-Deutschland vor allem in den kriegswichtigen und rüstungsrelevanten Betrieben Arbeitskräftemangel. Dieser wurde mit der Einberufung der Arbeiter zur Wehrmacht und den wachsenden Kriegsanstrengungen der Nazis auch in Stuttgart immer größer. Großbetriebe wie Daimler-Benz, Bosch, Mahle, Porsche oder auch Heinkel (Hirth) ließen die verschleppten Menschen in Stuttgart damals in ihren Betrieben schuften. Andere mussten Bunker bauen, Trümmer wegräumen, arbeiteten auf dem Acker oder im Kuhstall, halfen in Handwerksbetrieben oder auch als Haushaltshilfen in wohlhabenden Familien. Die unfreiwillig nach Stuttgart gebrachten Neuankömmlinge wurden, kaum dass sie da waren, sofort eingesetzt, um die Kriegswirtschaft und das öffentliche Leben mit allen Mitteln am Laufen zu halten. Kaum ein Flieger oder Panzer hätte ohne sie gebaut werden können. Ohne sie wären die Vernichtungs- und Eroberungskriege nicht möglich gewesen.
Viele Zwangsarbeiter, die überlebten, blieben auch nach dem Krieg ohne Entschädigung. Doch umgekehrt profitierten gerade die deutschen Großfirmen auch finanziell von dieser staatlich organisierten Ausbeutungsmaschinerie enorm. Und sie war im Grunde auch gleichzeitig die spätere unsichtbare Basis für die Wirtschaftswunderjahre ab der 1950er Jahre danach.
Fotos oben:
Sie war nur eine unter vielen, hat aber überlebt und das Erlebte für die Nachwelt festgehalten: Nina Smirnowa arbeitete als Bürogehilfin bei einer Bank in Leningrad, bevor sie im Mai 1942 nach Stuttgart verschleppt wurde und hier in einer Maschinenfabrik bei Cannstatt arbeiten musste. Sie überlebte, kehrte in die Sowjetunion zurück und hielt ihre Erinnerungen im Alter in einem Buch fest. In Baracken wie diesen (re.) mussten die Zwangsarbeiter in der Regel unter menschenunwürdigen Bedingungen hausen. Fotos: Memorial
Internetseite des Arbeitskreises "Zwangsarbeit in Stuttgart": www.zwangsarbeit-in-stuttgart.de
