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Reihe: "Dorfleben in Zuffenhausen um 1700 – ein Schäfer aus Antwerpen auf Wurzelsuche"
Teile 4 + 5: "Der Wirt des 'Lambs' " und "Die Nachfahren des Wirts" – die Geschichte Zuffenhausens ab 1688 anhand seiner Wirtshäuser
Per Schäfer wohnt im belgischen Antwerpen, seine Vorfahren kommen aus Zuffenhausen. Der Historiker hat sich auf eine ungewöhnliche Spurensuche in der Heimat seiner Vorfahren gemacht, auf der wir ihn begleiten und seine Artikel in unserer Reihe "Dorfleben in Zuffenhausen um 1700 – ein Schäfer aus Antwerpen auf Wurzelsuche" hier im Portal fortlaufend veröffentlichen werden.
Ausgehend von Kirchenbüchern und Protokollen des Kirchenkonvents rekonstruiert er das Leben im Dorf Zuffenhausen beginnend in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Die Reihe verbindet Recherche mit lebendiger Darstellung und Familiengeschichte. Sie führt mit den folgenden Serienteilen durch den Flecken (die nicht zwingend chronologisch sein müssen):
- Zuffenhausen im Frühling 1703
- Der Wirt des Lambs
- Die Nachfahren des Wirts
- Auf dem Weg zum Stuttgarter Markt
- Der Vorfall im Lamm
- Die Schäfers und die Wirtshäuser
- Familiengeschichte über zwölf Generationen
Inspiration und vertiefende Einblicke liefert die engagierte Arbeit von "Alt-Zuffenhausen" sowohl auf der Website als auch in den sozialen Medien.
Teil 4 & Teil 5:
(Direkte Fortsetzung von Teil 1)
Der Wirt des 'Lambs'
Michael war Wirt eines eigenen Gasthauses, des Lambs. Die Schreibweise entspricht dem damaligen Dialekt. Er starb 1688 im Alter von 65 Jahren. Seine Frau Anna war die Tochter des örtlichen Wagners. Gemeinsam hatten sie vier überlebende Söhne und eine Tochter. Aus Michaels erster Ehe stammte ein weiterer Sohn. Die Mutter war bei der Geburt verstorben, ein in dieser Zeit häufiges Ereignis. Geburten waren für Frauen mit erheblichen Risiken verbunden, und auch die Kindersterblichkeit war hoch. Im Flecken gab es zwei Hebammen, die bestellt und vereidigt wurden. Im zeitgenössischen Sprachgebrauch nannte man sie „geschworene Weiber“. Ihre Erfahrung war für das Überleben von Müttern und Kindern bei der Geburt entscheidend. Michael lebte mit seiner Familie im Lamb. Unter dem Dach wohnten die Mägde. Die Gaststätte verfügte sogar über eine Kegelbahn. Solche Bahnen bestanden meist aus Holz oder gestampfter Erde, die Kugeln waren aus Holz geschnitzt. Die Bahn lag hinter dem Lamb, zwischen Stall und Wirtshaus. Einmal ließ Michael an einem Sonntag vor dem Gottesdienst kegeln. Das blieb nicht unbemerkt und führte zu einer Strafe. Auch seine Mägde erscheinen in den Kirchenbüchern: wegen Fernbleibens vom Gottesdienst, wegen eines Besuchs der Eltern in Münchingen. Ein anderes Mal wegen „unsittlichen Verhaltens“ im Backhäusle wegen eines Gesprächs mit einem ledigen Burschen ohne Aufsicht. Die Sehnsucht nach Familie, Nähe und etwas Freiheit war groß. Viele Mägde kamen bereits mit 13 Jahren als „jonge Mädle“ in den Dienst. Der Lohn war gering, und ohne ausreichende Aussteuer war eine spätere Heirat für manche kaum erreichbar.
Die Nachfahren des Wirts
Abraham, der älteste Sohn aus Michaels erster Ehe, war Bauer und Weingärtner. In den Protokollen des Kirchenkonvents erscheint er häufig, weil seine Kinder während der Erntezeit nicht regelmäßig zur Schule gingen. Ein häufiges Phänomen. Die Kinder wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Beim Kirchgang war er nicht immer korrekt gekleidet. Der erste überlebende Sohn aus der Ehe mit Anna, Conrad, galt als ruhiger und verlässlicher Mann. Über viele Jahre war er Bürgermeister und Gerichtsverwandter und damit gemeinsam mit Pfarrer und Schultheiß Mitglied des Kirchenkonvents. Es folgt Caspar, der das Lamm, nun bereits in der modernen Schreibweise, von seinem Vater übernahm. Auch er taucht mehrfach in den Protokollen auf. Er schickte zwei Zuffenhäusener zum Holzhacken in den Wald, allerdings an einem Sonntag, was als Verstoß gegen die kirchliche Ordnung gewertet wurde. Die beiden Männer waren Benedict Schönafsky, ein Spielmann, und Martin Ringeisen, Weber und Sohn des Schulmeisters. Caspars Frau, Anna geborene Köhler, wurde vom Kirchenkonvent zur Hebamme bestellt. Weitaus häufiger als seine zwei älteren Brüder tritt Leonhardt in den Akten in Erscheinung. Er war Hirschwirt und hatte wiederholt Schwierigkeiten mit seiner Frau. Der jüngste Sohn, Lorenz, war Bauer. Auch bei ihm kam es vor, dass seine Kinder während der Erntezeit nur unregelmäßig die Schule besuchten. Die Tochter Anna heiratete Jakob Pfisterer, einen zugezogenen Bäcker. Einmal kam sie direkt vom Feld in die Kirche. Vor dem Konvent zeigte sie Reue und entschuldigte sich unter Tränen, sodass der Vorfall ohne Folgen blieb. Da Jakob Pfisterer nicht aus einer alteingesessenen Zuffenhäuser Familie stammte, wurde er zum Stammvater der Pfisterer im Ort. Die nachfolgenden Generationen dieser Familie gehen daher in direkter Linie auch auf Michael Schäfer zurück.
Weitere Teile folgen in unregelmäßigen Abständen.
Über den Verfasser:
Per Schäfer, der Belgier aus Antwerpen, auf den Spuren seiner Vorfahren hier an der Schäferstraße in Zuffenhausen.
Per Schäfer ist Historiker aus Belgien. Seine Mutter ist Flämin, doch seine Wurzeln reichen bis nach Zuffenhausen. Sein Großvater kam noch in einer Hausgeburt in Zuffenhausen zur Welt, sein Vater später in Bad-Cannstatt. Der Liebe und dem Beruf folgend führte der Weg seiner Eltern über Duisburg schließlich nach Antwerpen, wo Per seit seinem dritten Lebensjahr zuhause ist. Auch wenn sein Nachname in Belgien eher ungewöhnlich klingt, trägt Per ihn mit Stolz. Er verbindet ihn mit den Lebenswegen seiner Vorfahren aus Zuffenhausen.
Abbildung oben:
Die beiden mittelalterlichen Wahrzeichen des Stadtbezirks, die Johanneskirche aus dem Jahr 1275 und die Zehntscheuer aus dem Jahr 1569 im Vordergrund.
Foto: Wikipedia, MSeses - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10202568
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